Talismane Nordeuropas: keltische, nordische und volkstümliche Glücksbringer
Spiralen aus der Jungsteinzeit, Hämmer der Wikinger, Kreuze aus Binsen und Lochsteine vom Strand: wie der Norden seine Glücksbringer aus dem macht, was das Land hergibt.
Die Talismane Nordeuropas folgen drei Strängen, die sich oft überschneiden: den Spiralen und Knoten der keltischen und insularen Kunst, den Hämmern und Zauberzeichen der nordischen Welt und den bodenständigen Glücksbringern des Volksbrauchs in Britannien und Irland. Zusammen umspannen sie mehr als fünftausend Jahre, von jungsteinzeitlichen Ritzungen bis zum Hufeisen über einer modernen Tür.
Stein, Eisen, Silber und Binsen
Viele Glücksbringer des Nordens stammen direkt aus der Landschaft. Binsen vom Flussufer werden zu Kreuzen geflochten, vom Meer geschliffene Kiesel auf Schnüre gefädelt, und Eisen aus der Schmiede wird zum glückbringenden Hufeisen. Silber und Bronze wurden zu Schmuck gegossen und graviert, die großen Spiralen der Jungsteinzeit dagegen in den Stein gepickt.
Eisen hatte einen besonderen Platz. In Britannien, Irland und Teilen Skandinaviens glaubte man, es halte Feen und unwillkommene Geister fern. Das erklärt zum Teil, warum Hufeisen, Nägel und alte Schlüssel in so vielen Volksbräuchen auftauchen. Auch Löchern, Knoten und ununterbrochenen Linien traute man zu, alles zu binden oder zu filtern, was durch sie hindurchging.
Von den Spiralen der Jungsteinzeit bis zum Hufeisen an der Tür eines Bauernhauses: Der Norden hat seine Glücksbringer immer aus dem gemacht, was das Land hergibt.
Spiralen und Knoten
Das berühmteste frühe Beispiel der Triskele findet sich in Newgrange in Irland. Dort wurden um 3200 v. Chr. Dreifachspiralen in ein Ganggrab gemeißelt, das auf den Sonnenaufgang zur Wintersonnenwende ausgerichtet ist. Das Motiv kehrte in der keltischen Metallkunst der Eisenzeit wieder und später in christlichen Handschriften, und heute ist es ein beliebtes Zeichen für Bewegung, Kreisläufe und irisches Erbe.
Die Triquetra, drei ineinander verschlungene Bögen in einer einzigen Linie, ist typisch für die des 7. bis 9. Jahrhunderts, wie sie in Klöstern wie Iona und Kells entstand. Sie schmückt das um 800 entstandene Book of Kells und erscheint auf behauenen Steinen und Metallarbeiten. Christen deuten sie als Zeichen der Dreifaltigkeit, und viele Menschen tragen sie heute als Symbol dauerhafter Verbundenheit.
Hämmer und Zauberzeichen des Nordens
Der Mjölnir, der Hammer des Donnergottes Thor, war das große Schutzzeichen im Skandinavien der Wikingerzeit. Kleine Hammeranhänger aus Silber, Eisen und Bronze wurden vom 9. bis 11. Jahrhundert getragen, und mit einer in Dänemark gefundenen Gussform aus Speckstein aus dem 10. Jahrhundert ließen sich Hämmer und Kreuze nebeneinander gießen. Für Menschen, die heute einer neuheidnischen germanischen Religion folgen, ist er nach wie vor ein heiliges Symbol.
Der Vegvísir stammt aus einer viel späteren Welt, der der isländischen Zauberhandschriften. Eine Handschrift von 1860 verzeichnet ihn als Zeichen, das seinen Träger bei schlechtem Wetter davor bewahren soll, vom Weg abzukommen. Sein Verwandter, der Ægishjálmur oder Schreckenshelm, ist ein weiterer , ein Zauberzeichen aus derselben Tradition. Keines der beiden Zeichen ist aus der Wikingerzeit bekannt, doch beide sind heute beliebte Sinnbilder Islands.
Volkstümliche Glücksbringer aus Britannien und Irland
Das Brigidkreuz wird um den 1. Februar aus Binsen geflochten, zum Fest der heiligen Brigid, einer der Schutzheiligen Irlands. Ihr Tag markiert zugleich den alten irischen Frühlingsanfang. In Wohnhäusern und Hofgebäuden aufgehängt, soll das Kreuz vor Feuer und Unheil schützen, und jedes Jahr wird ein neues geflochten.
Das vierblättrige Kleeblatt ist Glück, das man zufällig findet. 1620 hielt Sir John Melton den Glauben fest, wer vierblättriges Gras finde, werde bald etwas Gutes finden, und seither ist der Klee ein Glückssymbol. Verwechseln sollte man ihn nicht mit dem dreiblättrigen Shamrock, dem Wahrzeichen Irlands, das mit dem heiligen Patrick verbunden wird.
Im Hufeisen treffen mehrere alte Vorstellungen zusammen: die verlässliche Stärke des Eisens, das Können des Schmieds und die Form der Mondsichel. Seine bekannteste Legende erzählt vom heiligen Dunstan, Erzbischof von Canterbury im 10. Jahrhundert. Er soll dem Teufel ein Hufeisen an den Huf genagelt und ihn erst freigelassen haben, als dieser versprach, nie ein Haus zu betreten, über dessen Tür ein Hufeisen hängt.
Ein Hühnergott ist ein Stein mit natürlichem Loch, wie man ihn oft am Strand findet. Im Deutschen heißt er auch Hexenstein, in Britannien hag stone. In Britannien und Nordeuropa hängte man solche Steine neben Türen, über Betten, in Ställen und an Booten auf, und der Volksüberlieferung nach offenbarte ein Blick durch das Loch die verborgene Welt der Feen. Regionale englische Namen sind unter anderem adder stone, witch stone und holey stone.
Wo sich die Stränge treffen
Abgeschottet voneinander waren diese Traditionen nie. Nordische Siedler lebten in Irland und Britannien, christliche Mönche meißelten Knoten, die ältere Muster aufgreifen, und der Volksbrauch nahm Heilige ebenso auf wie ältere Vorstellungen. Ein Brigidkreuz kann Andachtsgegenstand und Hausschutz zugleich sein, und eine Triskele lässt sich als jungsteinzeitlich, keltisch oder christlich lesen, je nachdem, wo Sie ihr begegnen.
Heute werden diese Symbole weit über ihre Heimat hinaus getragen, als Silberanhänger, Tätowierungen und Wohnschmuck. Sie sind lebendige Kultur geblieben, besonders in Irland, Schottland, Wales und Skandinavien, wo viele Menschen noch immer Kreuze flechten, Hufeisen in Ehren halten und Lochsteine am Ufer auflesen.
taliaris beschreibt Glauben und Bräuche; wir behaupten nicht, dass ein Talisman eine Wirkung hat.